Diese Seite wurde überarbeitet. Sie werden automatisch zur Seite http://www.psychometrica.de/elfe1-6_leseverstaendnis2-3.html weitergeleitet ...



2.3 Leseverständnis auf Satzniveau

Das Erkennen einzelner Wörter und deren Bedeutung gewährleistet noch nicht das Verstehen der Bedeutung eines Satzes. Die Wörter einer Wortfolge müssen miteinander in Beziehung gesetzt und in eine Gesamtstruktur integriert werden. Zu diesem Zweck ist die Analyse sowohl der semantischen, als auch der syntaktischen Relationen der einzelnen Satzelemente erforderlich (Christmann & Groeben, 1999).

Von besonderer Bedeutung sind Nominal- und Verbalphrase (Klicpera & Gasteiger-Klicpera, 1995, S. 134). Eine Nominalphrase umfasst im Deutschen wie im Englischen ein Nomen, dem ein Artikel (Determinierer), sowie eine beliebige Anzahl an Adjektiven vorausgehen kann (Pinker, 1996, S. 113 ff.). Im Beispiel (siehe Abb. 7) bildet die Wortkombination "die muntere Fee" die Nominalphrase. Die Verbalphrase hingegen umfasst ein Verb, sowie eine weitere Nominalphrase, im genannten Beispiel also den Ausdruck "isst Früchte".



Abbildung 7
Syntaktische Analyse des Satzes "Die muntere Fee isst Früchte" (Pinker, 1996, S. 115)


Eine Nominalphrase kann an verschiedenen Stellen eines Satzes auftreten, beispielsweise als Subjekt des Satzes, als Objekt einer Verbalphrase, als Objekt einer Präposition (z.B. "für die Fee"), als Possesivphrase (z.B. "der Hut der Fee") und als indirektes Objekt (z.B. "gib der Fee einen Keks"). Allerdings müssen die Nominalphrasen durch Proposition gemäß den Regeln einer Sprache miteinander verknüpft werden. Im Deutschen ist zudem anders als im Englischen Genus und Kasus zu beachten (also z.B. "der Mann", "des Mannes", "dem Mann", "den Mann").

Die tatsächlich vorgegebene Kombination von Wörtern bezeichnet man als Oberflächenstruktur, den "Überbau" hingegen als Tiefenstruktur eines Satzes (Christmann & Groeben, 1999). Missverständnisse, unfreiwillige Komik und Wortspiele entstehen, wenn für eine vorgegebene Oberflächenstruktur verschiedene Tiefenstrukturen möglich sind. Das folgende Beispiel soll diesen Zusammenhang verdeutlichen: "Ich habe den Elefant im Schlafanzug erschossen." (Pinker, 1996, S. 117). Der Leser wird diesen Satz entsprechend seines Weltwissens so interpretieren, des sich "der Schlafanzug" auf das Subjekt des Satzes bezieht. Fügt man hingegen einen zweiten Satz hinzu ("Wie er in den Schlafanzug reingekommen ist, wird mir immer ein Rätsel bleiben."), so erhält der vorangegangene Satz eine andere Tiefenstruktur und muss folglich uminterpretiert werden.

Die Analyse der Tiefenstruktur eines Satzes wird im Deutschen wie im Englischen als "parsing" bezeichnet und folgt nach dem sog. "garden path"-Modell - nach Klicpera & Gasteiger-Klicpera (1995, S. 135) ist dies das derzeit am besten ausgearbeitete Modell - im wesentlichen zwei Prinzipien (Flores d'Arcais, 1990 ; Ferstl & Flores d'Arcais, 1999):
  1. minimal-attachment:
    die zu rekonstruierende Satzstruktur wird so gebildet, dass sie möglichst wenige Verzweigungen aufweist

  2. late closure:
    das gerade gelesene Wort wird nach Möglichkeit an die zuletzt aktive Phrase angehängt
Uneinigkeit besteht zum jetzigen Zeitpunkt über das Zusammenspiel von Semantik und Syntax bei der Interpretation von Sätzen (Traban & McClelland, 1990; siehe auch Christmann & Groeben, 1999), wobei sich im wesentlichen zwei konträre Positionen unterscheiden lassen: Nach der interaktionistischen Syntaxtheorie wird die syntaktische Analyse vom semantischen Kontext, von der Pragmatik und vom Weltwissen beeinflusst. Es werden z.B. mittels der Bedeutung der Verben die einzelnen Wörter zu Nominalphrasen gruppiert, denen schließlich ihre Position im Satz zugewiesen wird. Die syntaktischen und semantischen Teilprozesse arbeiten nach dieser Theorie weitgehend parallel. Die autonome Syntaxtheorie geht hingegen davon aus, dass die syntaktische Verarbeitung der semantischen zeitlich voraus geht.

Die Frage, welche der beiden Theorien die Satzanalyse besser beschreibt wurde insbesondere mithilfe des "Sackgasseneffekts" ("garden path effect", vgl. auch Christmann & Groeben, 1999) untersucht (z.B. Mitchell, Corley & Garnham, 1992). In diesem Paradigma werden den Versuchspersonen Sätze dargeboten, deren Analyse nach dem Late-Closure-Prinzip zu einer syntaktisch falschen Strukturierung führt, die in einem zweiten Schritt korrigiert werden muss. Dabei handelt es sich um Sätze wie z.B. "Helmut ist gut zu sehen". Das Wort "Helmut" wird aufgrund seiner Position im Satz zunächst als Subjekt wahrgenommen, in der Tiefenstruktur ist es hingegen das Objekt der durch das Verb bezeichneten Tätigkeit. Kinder neigten bis zu einem Alter von sieben bis acht Jahren dazu, den Satz dahingehend zu interpretieren, dass Helmut gut sieht, so Klicpera und Gasteiger-Klicpera (1995, S. 135). Ähnlich verhalte es sich bei dem Satz "Hans verspricht Fritz zu kommen", der von jüngeren Kindern so verstanden wird, dass Fritz kommt. Während Kinder dieses Alters noch generell Probleme haben, eigene Fehler in der syntaktischen Strukturierung von Sätzen zu erkennen, analysieren Erwachsene in diesem Fall, wie in der autonomen Syntaxtheorie beschrieben, isoliert die grammatikalische Struktur des Satzes (Christmann & Groeben, 1999). Treten hingegen während des Parsens keine Widersprüche auf, scheint die interaktionistische Syntaxtheorie den Leseprozess Erwachsener adäquater zu beschreiben.

Kinder haben über die oben genannten Beispiele hinaus in diesem Alter Probleme mit zahlreichen Konjunktoren (Oakhill & Garnham, 1988, S. 52). Während zu Beginn der Schulzeit vor allem temporale Konjunktoren wie "dann" und "danach" bevorzugt werden, entwickelt sich allmählich im Laufe der ersten sechs Schuljahre das Verständnis für kausale Verknüpfungen wie "weil", "deshalb" und "folglich".

Klicpera und Gasteiger-Klicpera (1995, S. 135) vermuten, dass vor allem bei Kindern, die sich selbst noch im Spracherwerbsprozess befinden, eine relative Autonomie von syntaktischer und semantischer Analyse, bei Erwachsen hingegen eine enge Interaktion zwischen Syntax und Semantik vorliegt. Ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung des Leseverständnisses sei also die Fähigkeit der Satzanalyse bzw. der grammatikalischen Kompetenz, so Klicpera und Gasteiger-Klicpera.